Strategien
19. März 2025

Mehr als ein Drittel der ESG-Fonds investiert „fossil“

In vielen Artikel-8- und -9-Fonds finden sich Öl- und Gasmultis mit fossilen Expansionsprojekten. Urgewald und Facing Finance: „massives Greenwashing“.

ESG-Fonds, gemeint sind Artikel-8- und -9-Fonds im Sinne der Offenlegungsverordnung (SFDR), investieren erhebliche Milliardenbeträge in „fossile“ Unternehmen oder solche, die fossile Expansionsprojekte vorantreiben. Das fanden die Nichtregierungsorganisationen Urgewald und Facing Finance in einer Untersuchung von über 14.000 solcher „ESG-Fonds“, die gemäß der SFDR in einem europäischen Land vermarktet werden, heraus. Demnach investierten weit mehr als ein Drittel (4.792) Fonds über 123 Milliarden Euro in Unternehmen, die fossile Expansionsprojekte vorantreiben oder aber keinen glaubhaften und Paris-konformen Ausstiegsplan aus Kohle vorgelegt haben. Die beiden Organisationen werfen den europäischen ESG-Fonds „massives Greenwashing“ vor. Teil der Untersuchung sind demzufolge nur aktiv gemanagte Fonds.

Größte Summe floss an Total Energies

Allein auf die sechs größten Öl- und Gasmultis Total Energies, Shell, Exxon Mobil, Chevron, Eni und BP entfallen demnach Investitionen in Höhe von 23,5 Milliarden Euro. Alle diese Unternehmen hätten Expansionspläne, die mit dem 1,5-Grad-Limit unvereinbar seien und die Klimaüberhitzung weiter verschärfen würden. Die höchste Investitionssumme floss demnach an Total Energies (8,1 Milliarden Euro). Der größte Öl- und Gasproduzent der EU expandiere seine Geschäfte unter anderem in Ländern wie Mosambik. Sein dortiges LNG-Projekt in der „brutal umkämpften Provinz Cabo Delgado“ sei ein Beispiel dafür, wie fossile Expansion auch die Menschenrechte der lokalen Bevölkerung gefährde, so die beiden Organisationen.

Auch Kohle-Investments sind der Untersuchung zufolge in Artikel-8- und 9-Fonds nicht tabu. Insgesamt 4,5 Milliarden Euro investierten die untersuchten Nachhaltigkeitsfonds in Kohleunternehmen mit Expansionsplänen. Die Firma Glencore und ihre Tochtergesellschaften standen hier mit insgesamt 770 Millionen Euro an der Spitze der Liste.

Lücke zwischen Esma-Leitlinien und SFDR

Die neuen Regeln zur Benennung von ESG-Fonds, vorgelegt von der europäischen Wertpapier-Aufsichtsbehörde Esma und bekannt als „Esma-Leitlinien zu Fondsnamen“ seien ein erster Schritt in die richtige Richtung, so die beiden Organisationen. Die Finanzrecherche zeige jedoch: Von den knapp 14.300 untersuchten Artikel-8/9-Fonds würden zwei Drittel (9.420) durch die Esma-Leitlinien nicht erfasst, schreibt Urgewald, da in ihren Namen keine ESG- oder nachhaltigkeitsbezogenen Begriffe verwendet würden.

Zum Hintergrund: Die Esma-Leitlinien zu Fondsnamen regeln, welche nachhaltigkeitsbezogenen Begriffe in Fondsnamen künftig zu expliziten Vorgaben im Sinne nachhaltiger Investments in den jeweiligen Fonds führen. Fonds mit nachhaltigkeitsbezogenen Begriffen müssen ab dem 21. Mai 2025, wenn die neuen Esma-Leitlinien auch für Bestandsfonds wirksam werden, je nach gewähltem Begriff im Fondsnamen entweder die Mindestausschlüsse nach der Climate Transition Benchmark (CTB) oder der Paris-Aligned Benchmark (PAB) erfüllen. Darüber hinaus gibt es noch weitere Vorgaben. Urgewald schreibt, die meisten der für die Recherche berücksichtigten Unternehmen in fossilen Industrien seien nicht PAB-kompatibel.

Mit Blick auf fossile Investitionen würden nur 43 Prozent der Fonds von den Esma-Leitlinen erfasst, da ihre Namen Begriffe der Kategorien „Environment“, „Sustainability“ oder „Impact“ enthalten. 2.078 von 4.792 Fondsnamen der Artikel-8- und -9-Fonds enthalten demnach Esma-relevante Begriffe, die fossile Geldanlagen einschränken. Für die fossilen Anlagen bei den restlichen 57 Prozent der Fonds, die andere beziehungsweise keinerlei Begriffe aus dem Esma-Katalog enthalten, ändere sich hingegen nichts.

Auch Esma-relevante Fonds mit fossilen Unternehmen

Betroffene ESG-Fonds, die Begriffe aus den Kategorien „Environment“, „Sustainable“ oder „Impact“ enthalten, haben laut der Finanzrecherche rund 38 Milliarden Euro in fossile Unternehmen investiert, die Expansionsprojekte planen beziehungsweise keine Paris-konformen Kohleausstiegspläne vorgelegt haben. Diese Fonds haben ab dem 21. Mai zwei Möglichkeiten: Sie müssen fossile Wertpapiere entweder verkaufen oder können die entsprechenden Nachhaltigkeitsbegriffe aus ihren Namen streichen. Im letzten Fall könnte das Portfolio Urgewald zufolge so schmutzig bleiben wie zuvor. Weiteres zu der Untersuchung finden Interessierte auf der Website von Urgewald unter folgendem Link.

„Unternehmen, die in Zeiten der Klimaüberhitzung fossile Expansionsprojekte vorantreiben, gefährden unsere Zukunft. Wer so massiv gegen den Nachhaltigkeitsgedanken verstößt, hat insbesondere in ESG-Fonds nichts verloren. Dass mehr als jeder dritte Fonds, der ökologische oder soziale Merkmale bewirbt, dennoch in expandierende fossile Konzerne investiert, führt klimabewusste Anleger und Anlegerinnen in die Irre. Die Politik muss solche Investitionen in allen ESG-Fonds durch klare Regeln unterbinden“, kommentiert Julia Dubslaff, Finanz-Analystin bei Urgewald. „Die betroffenen Fondsanbieter sollten die Chance nutzen und ihre Investitionspolitik anpassen. So können sie ihre Reputation steigern und Kunden und Kundinnen beweisen, dass sie es ernst meinen mit ihren klimabewussten Fondsprodukten. Den expandierenden fossilen Unternehmen können sie dadurch ein wichtiges Signal senden: Wer seine Geschäfte nicht klimagerecht ausrichtet, fliegt raus.“

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