So wird die Green-Bond-Emission zum Erfolg

Axel Wilhelm ist Geschäftsführer von Ethi-Finance in Deutschland (vormals Imug Rating). Er hat in den vergangenen Jahren gut zwei Dutzend kommunale Emittenten begleitet, darunter Bundesländer, Städte und auch kommunale Unternehmen wie Stadtwerke oder Verkehrsbetriebe wie die ÜSTRA Hannoversche Verkehrsbetriebe AG. Bild: Christian Wyrwa.
Städte und Kommunen entdecken den Kapitalmarkt für sich. Mehr und mehr von ihnen finanzieren Ausgaben nicht mehr nur über Steuern und Bankkredite, sondern zusätzlich über Schuldscheine oder per Stadtanleihe. Diese Zinsträger finden reißenden Absatz.
Die Landeshauptstadt München mit ihren rund 1,6 Millionen Einwohnern hat in den vergangenen Jahren einen Teil ihres Fremdkapitalbedarfs über die Emission sogenannter Stadtanleihen gedeckt. Der Begriff „Stadtanleihe“ wird außerhalb der Amtsstuben städtischer Kämmerer eher selten verwendet, ist aber mit einer langen Tradition verbunden.
So, wie der Bund seine lang laufenden Wertpapiere „Bundesanleihen“ nennt und Kommunen Kommunalanleihen begeben, nennen die Münchner und auch andere Großstädte wie Dresden und Leipzig, die den Fremdkapitalmarkt schon vor einhundert Jahren und noch früher angezapft haben, ihre Schuldverschreibungsemissionen eben Stadtanleihen. Die Stadt Köln nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Sie nahm ihre erste bekannte Anleihe bereits im Jahr 1321 auf.
Auf kommunaler Ebene erfolgt die Finanzierung hauptsächlich über Steuergelder, Kommunal- und Kassenkredite. Zwar spielen Stadtanleihen für die Mehrheit der deutschen Kämmerer eine untergeordnete Rolle. Dafür gibt es jedoch den einen oder anderen Kämmerer, der seine städtischen Schuldtitel nun auch im Gewand einer sogenannten „grünen Anleihe“ oder als „Green Bond“ vermarktet. Das beschert den Emittenten eine höhere Aufmerksamkeit bei Investoren und damit auch bessere Konditionen – und es lässt sich außerdem gut in der Außendarstellung nutzen.
Das Anlegerinteresse schüren
Am besten ist es, wenn die kommunalen Finanzierungsvorhaben, die den Zinsträgern zugrundeliegen, gewissermaßen frisch sind und eben keine Refinanzierungen darstellen. Ein deutlicher Refinanzierungsanteil von 30 Prozent, der zum Beispiel aus einem vor Jahren angeschafften kommunalen Windpark herrührt, ist zwar denkbar, gilt aber als nicht optimal, sagen Experten. Damit eine Anleihe eine grüne wird und auf großes Anlegerinteresse trifft, bedarf es ein paar Features, wie wir später noch zeigen werden. Daher ist der personelle Aufwand, der mit der Emission einer grünen Stadtanleihe einhergeht, nicht zu unterschätzen. Inzwischen gibt es einige Kämmerer, die den Schritt gegangen sind – und an denen man sich orientieren kann.
Im vergangenen Jahr emittierte die bayerische Landeshauptstadt die „Münchner Stadtanleihe 2024“. Das war für die Süddeutschen ein Meilenstein, denn ihre 300-Millionen-Euro-Anleihe war als Green Bond ausgestaltet, eine „wirkungsorientierte“ und zweckgebundene Anleihe also. In diese Kategorie fallen auch sogenannte Social Bonds und Sustainability Bonds, die sozialen und anderen Nachhaltigkeitszwecken dienen. Vor der Emission der Münchner Stadtanleihe 2024, die rechtlich eine Inhaberschuldverschreibung darstellt, gab es eine große Werbekampagne. Sie sollte vor allem auch Privatanleger ansprechen. Entsprechend mundgerecht war die Stückelung (1.000 Euro) ausgelegt. Und auf der Homepage der Landeshauptstadt finden Interessenten alle für die Stadtanleihe wesentlichen Informationen.
München will bis 2035 klimaneutral aufgestellt sein
München und Green Bonds – wie gehört das zusammen? Die drittgrößte deutsche Stadt will 2035 klimaneutral sein. Deshalb stehen massive Investitionen an, etwa im öffentlichen Personennahverkehr. Oberbürgermeister Dieter Reiter sieht die Sache realistisch: „Die Landeshauptstadt München bis 2035 klimaneutral zu machen, ist ein ehrgeiziges Ziel. Dies macht ein gigantisches Investitionsvolumen notwendig. Investitionen, die wir zu einem guten Teil finanzieren müssen.“
Reiter bezieht sich hier implizit auf das Weltklimaabkommen von Paris vom Dezember 2015. Das dort getroffene Abkommen stellt laut dem Feri Cognitive Finance Institute einen der seltenen Momente der Menschheitsgeschichte dar, in dem sich 197 Länder zu einem gemeinsamen und übergeordneten Ziel verpflichtet haben – der menschengemachten Erderwärmung durch konsequente Maßnahmen zum Klimaschutz entgegenzutreten, insbesondere durch die dynamische Reduktion der CO₂-Emissionen. „Speziell in Europa wurde diese Zielsetzung sehr ernsthaft aufgegriffen und von der EU-Kommission in einen umfassenden Katalog von Regelungen und Selbstverpflichtungen überführt“, erinnert der Think Tank in seinem absolut lesenswerten „Big Picture View: 2025 and beyond“ (hier geht’s zum PDF).
Insbesondere die EU-Taxonomie hatte das Ziel, Investitionen und Finanzierungsmaßnahmen in allen Bereichen der Wirtschaft gemäß ihrem Beitrag zu wichtigen Nachhaltigkeitszielen zu klassifizieren. Inzwischen zeige sich aber, schreibt das Feri Cognitive Finance Institute, dass diese Verordnung in der Realität an übermäßiger Komplexität und zahlreichen inneren Widersprüchen zu scheitern drohe.
Geld für grüne und soziale Zwecke
Zweckgebundene Kapitalmarktemissionen sind auch eine komplexe Angelegenheit, können sie doch sowohl festverzinsliche Anleihen aber auch Schuldscheine sein, die zur Finanzierung nachhaltiger Investitionen dienen. Investoren in diesem schnell wachsenden Teil des Rentenmarktes möchten sicherstellen, dass ihr Geld ausschließlich für grüne/soziale Zwecke verwandt wird. Ein Vorreiter auf der Emittentenseite ist auch hier die Stadt Köln. Die erste grüne Emission der Domstadt wurde vor gut einem Jahr vermarktet. Die Orderbücher für die als Schuldscheindarlehen konzipierte grüne Emission schlossen am 1. Februar 2024. Stadtkämmerin Prof. Dr. Dörte Diemert freute sich damals über die große Nachfrage an dem „Pilotprojekt“, das 150 Millionen Euro in die Stadtkasse spülte. Weltweit wurden von Januar bis September 2024 mehr als 3.000 nachhaltige Anleihen mit einem Gesamtvolumen von über 800 Milliarden US-Dollar begeben. Tendenz steigend.
Ein Rahmenwerk bildet die Grundlage der Emissionen
Investoren in Green Bonds sind zum Beispiel die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und die Munich Ergo Asset Management. Der Vermögensmanager der Munich Re investierte im vierten Quartal 2024 für eine Reihe institutioneller Anleger einen mittleren zweistelligen Euro-Millionenbetrag in eine Euro-Anleihe der Hamburger Hochbahn mit einer Stückelung von jeweils 100.000 Euro. Die Hochbahn ist Dienstleister im öffentlichen Personennahverkehr der Hansestadt.
Ebenso wie die Isar-Metropole ein „Rahmenwerk der Landeshauptstadt München für nachhaltige Finanzierungen“ konzipiert hat, so hat auch die Hamburger Hochbahn ein Green Finance Framework ausgearbeitet. Sie bilden die Grundlage der Emissionen und werden von der Emittentin entworfen. Aber auch Banken und Berater bieten das Schreiben des Dokuments als Dienstleistung an. Im Framework machen die Schuldner zum Beispiel Angaben darüber, was Nachhaltigkeit für sie bedeutet – und schildern ihre Zielsetzungen für die Emission. Die Hamburger Hochbahn will mit dem Erlös die Klimaneutralität ihres Fuhrparks fördern. Damit steht sie längst nicht alleine da.
Mehr Nachfrage als bei konventionellen Kommunalanleihen
Wenn Kommunen oder ihre kommunalen Eigenbetriebe, wie zum Beispiel die lokalen Stadtwerke, nachhaltige Emissionen anbieten, weil sie etwa den Ausbau Erneuerbarer Energien vorantreiben möchten, stoßen sie damit auf eine größere Nachfrage als bei konventionellen Kommunalanleihen. Deshalb können die Emittenten finanzielle Vorteile erzielen, die sich im sogenannten Greenium ablesen lassen. Denn Green-Bond-Investoren verfolgen mehrere Ziele. Einerseits wollen sie ihr Portfolio diversifizieren. Andererseits hat so mancher dieser Anleger nicht-monetäre Nachhaltigkeitspräferenzen. Gezeigt haben das Daniel Fricke und Christoph Meinerding (beide Deutsche Bundesbank) in einer Studie, die wir Ihnen hier zur Verfügung stellen: Who Pays the Greenium and Why.
Aber natürlich entscheidet das Risiko über den Preis eines Kapitalmarktprodukts. „Gemäß unseren Erfahrungen sehen Investoren grüne Finanzprodukte gerne, vor allem wenn sie bei der Erfüllung interner Zielvorgaben helfen“, sagt Patrick Steeg von der Landesbank Baden-Württemberg. Wenn man sich aber vergleichbare grüne und konventionelle Anleihen anschaue, ergebe sich – je nach Produkt und Laufzeit – aktuell ein Greenium von ein bis drei Basispunkten, so der Kapitalmarktexperte.
Der Bund begibt seit 2020 grüne Anleihen und fördert damit den Markt für grüne Finanzprodukte. Die bei diesen Papieren übliche zusätzliche Berichterstattung sorgt außerdem für Transparenz über die ihnen zugeordneten grünen Ausgaben des Bundeshaushalts. Seit 2015 begibt das Land Nordrhein-Westfalen regelmäßig Nachhaltigkeitsanleihen mit Bezug zu Sozial- und Umweltprojekten. Auch Baden-Württemberg und Hessen sind Emittenten von Green Bonds. 2022 hat die Stadt Münster erstmals einen Grünen Schuldschein platziert. Das Land Sachsen-Anhalt begab im Jahr darauf seinen ersten Social Bond. Und auch die Stadt München hat einen Social Bond begeben. Das investierbare Universum dehnt sich rasch aus.
Standards sollen Vergleichbarkeit schaffen
Schon 2018 ging die Stadt Hannover mit ihrem ersten Green-and-Social-Schuldschein an den Kapitalmarkt. Die niedersächsische Landeshauptstadt hatte sich damals verpflichtet, mit der Mittelverwendung ausschließlich Projekte zu finanzieren und zu refinanzieren, die zur Verbesserung ihrer Klimabilanz beitragen und sozialen Wohnungsbau/Unterbringung ermöglichen. Dabei bezog sich Hannover auf die von der International Capital Market Association (ICMA) veröffentlichten und allgemein anerkannten Prinzipien, was die Transparenz über die Verwendung der Emissionserlöse, den Prozess der Projektbewertung und -auswahl, das Management der Erlöse sowie die Berichterstattung betrifft. Der Bezug zu den ICMA Principles dürfte sich in fast allen der zuvor genannten Emissionen finden, sagen Experten.
Klarheit und Vergleichbarkeit soll nun auch der European Green Bond Standard (EUGBS) schaffen. Die entsprechende Verordnung (EU) 2023/2631 wurde am 30. November 2023 im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht. Sie setzt einen freiwilligen EU-weiten Marktstandard für grüne Anleihen. Demnach muss eine Anleihe, die dem EUGBS entspricht, besondere, an ökologische Nachhaltigkeitskriterien geknüpfte Bedingungen erfüllen. Um als European Green Bond vermarktet werden zu können, müssen die Emissionserlöse der Anleihe für ökologisch nachhaltige Zwecke gemäß der EU-Taxonomie-Verordnung verwendet werden. Der European Green Bond Standard für nachhaltige Anleihen setzt engere Leitplanken für Emittenten als die ICMA-Standards.
Wird sich der European Green Bond Standard durchsetzen? „Das müssen wir abwarten! Im Moment sind noch die Green Bond Principles der ICMA der Marktstandard. Und damit sind die meisten Kommunen, aber auch die meisten Investoren zufrieden“, sagt Axel Wilhelm. Der Geschäftsführer von Ethi-Finance in Deutschland (vormals Imug Rating) hat in den vergangenen Jahren gut zwei Dutzend kommunale Emittenten begleitet, darunter Bundesländer, Städte und auch kommunale Unternehmen wie Stadtwerke oder Verkehrsbetriebe wie die ÜSTRA Hannoversche Verkehrsbetriebe AG. „Mit dem European Green Bond Standard sind besondere Anforderungen verbunden. Und wir müssen abwarten, ob sich Emittenten der Mühe unterziehen werden, diese Anforderungen zu erfüllen und ihre Wertpapiere taxonomiekonform zu gestalten“, so Wilhelm.
Stadtanleihe: München bietet Orientierung
Bevor eine Green-Bond-Emission aber überhaupt angestoßen werden kann, müssen sich die kommunalen ebenso wie die privatwirtschaftlichen Emittenten in spe einen Überblick über geeignete Investitionen verschaffen. Steht zum Beispiel der Wunsch nach einer Green-Bond-Emission über 200 Millionen Euro im Raum, müssen dafür geeignete Projekte zusammengetragen werden. Später, im sogenannten Allokations- und Wirkungs-Reporting, erfolgt eine ideelle Zuordnung der grünen Investitionen zu den 200 Millionen Euro.
Wer eine grüne Anleihe begeben will, braucht aber nicht nur ein entsprechendes Volumen an zu finanzierenden Projekten, die die Investoren überzeugen, sondern auch ein eigenes grünes Framework, das bereits angeklungene grüne Rahmenwerk, und eine Second Party Opinion einer Nachhaltigkeitsratingagentur, die darauf referenziert. Beide Dokumente müssen die Emittenten veröffentlichen. „Framework und Second Party Opinion sind Grundvoraussetzungen, um überhaupt eine grüne Anleihe begeben zu können“, sagt Kapitalmarktrechtler Thomas Scharfenberg von der international tätigen Kanzlei Simmons & Simmons.
Der erste Green Bond der Stadt München, die Stadtanleihe 2024, war an den Green Bond Principles der ICMA ausgerichtet. Mit der Emission am 26. September 2024 nahm die Stadtkämmerei 300 Millionen Euro an Fremdkapital auf, wie wir damals berichtet hatten. Die Laufzeit der mit einem festen Kupon von 2,75 Prozent ausgestatteten Inhaberschuldverschreibung beträgt sieben Jahre. Käufer der Anleihen waren private und institutionelle Anleger. Auch internationale Investoren griffen bei der Emission zu. Ihr Anteil lag bei 22 Prozent.
Dieser Erfolg mit der Stadtanleihe ist der Stadtkämmerei zuzuschreiben, die die Emission nicht nur in deutscher, sondern auch in englischer Sprache beworben hatte. Mit ihren rund 600 Beschäftigten ist sie verantwortlich für das Management von Vermögen, Haushalt, Steuern sowie die Stadtkasse. Eingespannt war auch Simmons & Simmons. Die Juristen haben die mit der Emission beauftragten Banken – Bayerische Landesbank, Deutsche Bank und ING – bei der Platzierung begleitet. Zuvor hatten sie zum Beispiel bereits die Stadt Köln bei der Emission des grünen Schuldscheins beraten.
Abwägung zwischen Green Bonds und konventionellen Anleiheemissionen
Simmons & Simmons war – ebenso wie Imug Rating – auch beim Social Bond der Stadt München involviert: Im Februar 2020 hatte die Metropole eine kommunale Anleihe im Volumen von etwa 100 Millionen Euro platziert. Die „Münchner Stadtanleihe 2020“ wurde mit einem sozialen Zweck vermarktet. Ihre Laufzeit endet im November 2032. Mit Blick auf die Entwicklungsgeschichte des Marktes für Green Bonds zeigt sich Jurist Scharfenberg trotz anfänglichen Zögerns mittlerweile überzeugt, dass nachhaltige Anleihen sich am Markt etablieren werden. Sie seien gekommen, um zu bleiben, sagt der Experte im Gespräch mit portfolio institutionell. „Der Green Deal wird auf europäischer Ebene sehr ernst genommen im Kapitalmarktbereich. Einerseits sind die Investoren daran interessiert, ihr Geld in diesen Bereichen zu investieren. Andererseits ist der Investitionsbedarf sehr hoch.“
Städten und Kommunen, die an den Kapitalmarkt gehen wollen, rät Scharfenbergs Kollegin Dr. Gabriele Röhl in der Abwägung zwischen Green Bonds und konventionellen Anleiheemissionen sowie anderen Instrumenten keine Berührungsängste zu haben. „Und zwar sowohl finanziell als auch mit Blick auf den Aufwand, der damit einhergeht. Ich glaube, wenn man nachhaltige Emissionen bei den Kommunen verstärkt bekannt macht, könnte der Markt noch weiter wachsen und eine maßgebliche Rolle im Zusammenhang mit der Finanzierung des Pariser Weltklimaabkommens spielen“, sagt die Expertin für Fremdkapitalemissionen.
Zum Abschluss müssen wir noch mit einer Fehlannahme aufräumen: Manche Stadträte gehen davon aus, dass Green Bonds den Schuldenberg ihrer Kommune nicht weiter erhöhen. Dem ist nicht so. Auch Green Bonds sind ganz normale Schulden.
Autoren: Tobias BürgerSchlagworte: Green Bonds | Kommunen | Nachhaltigkeit/ESG-konformes Investieren | Social Bonds | Titelstory
In Verbindung stehende Artikel:
Schreiben Sie einen Kommentar